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Dienstag, 20. Juli 2010
Arnos folgenschwere Autofahrt - Teil 2
Arno erzählte mir nun, dass er im Nachbarort einen schweren Unfall verursacht habe und anschließend Unfallflucht beging. In seiner Panik vergaß er die Vollsperrung an der Brücke. Als er den "Käfer" in seiner Not wenden wollte, geriet er mit dem Hinterteil in den Bach. In seiner Hilflosigkeit versuchte er mich zu finden und lief zum Tanzlokal zurück. Er lief einen anderen Weg, sonst wären wir uns begegnet. Dort berichtete man ihm, dass ich mich auf dem Heimweg befand.

Jetzt wollte er mir noch Einzelheiten über das Unfallgeschehen erzählen, als ich ihn abrupt mit einer Handbewegung stoppte. "Arno, du musst hier verschwinden, die Polizei sucht mit Sicherheit dieses Auto und vor allen Dingen den Fahrer. Schließlich hast du viel zu viel getrunken und auch noch Fahrerflucht begangen. Hier leben doch mehrere Tanten von dir. Gehe zu einer und schlafe dich richtig aus. Morgen kannst du dann alles regeln und die Polizei von deinem "Schock" überzeugen, den du erlitten hast", riet ich ihm mit einem Augenzwinkern.

Wie es immer so seine Art war, begann er nun mit einer breit angelegten Diskussion. Plötzlich sah ich zwei Scheinwerfer, die sich langsam, bedrohlich auf uns zu bewegten. "Lauf doch endlich los, lauf doch", schrie ich ihn an. Wie versteinert stand er da und starrte auf das näher kommende Fahrzeug, wie das Kaninchen auf die Schlange, völlig apathisch. Natürlich handelte es sich um einen Streifenwagen.

Mit Elan sprang ein noch junger Polizist aus dem Wagen und reckte eine gelbe Radkappe gen Himmel. Mit triumphierender Stimme stellte er die Frage: "Gehört die Radkappe zu Ihrem Fahrzeug?" Eine kurze Pause trat ein. Dann beantwortete er selbst seine Frage: "Anscheinend ja, der "Käfer" ist ja auch gelb und ihm fehlt eine Radkappe." Anschließend war alles nur noch Routine. Die Ordnungshüter verlangten die Wagenpapiere und den Führerschein. Ohne jegliche Gegenwehr überließ mein Freund ihnen die Dokumente. Zuerst bemerkte ich es nicht, doch dann wurde mir bewusst, dass Arno in der Tat unter Schock stand.

Nachdem die Polizisten feststellten, dass ich der Kumpel des Verdächtigen war, verpflichteten sie mich, dass ich den Abtransport des Autos organisieren sollte. Jedenfall wäre es billiger für meinen Freund. Später halfen mir ein paar junge Burschen, den Wagen aus dem Bach zu ziehen. Dann fuhr ich ihn, mit einem mulmigen Gefühl (ich hatte ja auch Alkohol getrunken), in die Garage meines Freundes. Arno musste mit zur Polizeistation, wo ihn der Amtsarzt eine Blutprobe entnehmen wollte.

Folgendes war in diesem Abend geschehen:

Nachdem Arno dem Ehepaar versprochen hatte, sie nach Hause zu fahren, holte er den Wagen aus seiner Garage. Immerhin musste er dafür anderthalb Kilometer laufen. Als er dieses Pärchen vor ihrem Haus abgeladen hatte, geschah es dann auf der Rückfahrt. Vor einer ganz leichten Linkskurve nickte Arno kurz ein und steuerte den Wagen geradeaus. So erreichte er den kleinen Parkplatz vor dem Tanzcafé, wo zurzeit drei Autos und ein Motorrad parkten. Direkt vor dem Schaufenster des Cafés (in früheren Jahren war es eine Bäckerei) parkte ein "NSU-Prinz", der dem Schlagzeuger der dort spielenden Band gehörte. Bei dem starken Aufprall wurde der Kleinwagen mit riesigem Getöse, bis zur Hälfte, in die große Schaufensterscheibe des Lokals gedrückt.

Erst Tage später erfuhr ich von einem Gast, dass der Wagen dem Schlagzeuger der Band gehörte, die dort zum Tanz aufspielten. Als er plötzlich das verbeulte Gesicht seines geliebten Autos erkannte, fielen ihm völlig entnervt die Trommelstöcke aus der Hand. Alle anderen Wagen waren ebenfalls schrottreif. Das geschundene Motorrad lag im Eingang des Nachbarhauses und erinnerte an ein Spielzeugzeugmodell aus Blech, was unter die Hufe eines Pferdes geraten war.

Der Gesamtschaden belief sich damals auf sage und schreibe 14.000.-- DM, den Eigenschaden noch nicht einmal mitgerechnet.

Da der Käfer nach diesem schweren Unfall in Fahrtrichtung stand, legte Arno den Gang ein und fuhr los. Unglaublich, dass das bei diesem Schaden überhaupt möglich war. Der "Käfer" trug ebenfalls einen Totalschaden davon, weil sich das Chassis so stark verzogen hatte. Der Aufprall geschah an der Front, in der Mitte der Fahrgestells, wo es am stärksten ist. Die folgenden Schleifgeräusche während der Fahrt, konnten meinen Freund Arno nicht beeindrucken.

Ein halbes Jahr später kam es zur Gerichtsverhandlung vor dem Amtsgericht. Viele Freunde, Bekannte, Verwandte und die Geschädigten füllten den mittelgroßen Gerichtssaal.

Ein alter, erfahrener Richter führte den Prozess. In der Härte fiel das Urteil eigentlich milde aus: Eintausend Deutsche Mark Geldstrafe und ein halbes Jahr Führerscheinentzug. Den Schaden musste Arno selbst bezahlen; aber nur, weil er Fahrerflucht beging. Vierzehntausend Deutsche Mark Schadenersatz war eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit das Durchschnittsverdienst bei rund 500.--DM lag.

Wie üblich, gab der Richter dem Angeklagten das letzte Wort. Arno reagierte nicht sofort, sodass ihn sein Rechtsanwalt mehrmals mit dem Ellbogen in die Seite stieß. Dann jedoch stand mein Freund geschwind auf und verkündete mit lauter, theatralischer Stimme: "Herr Richter, der Führerschein ist für mich lebenswichtig!"

Wie schon gesagt, der Richter war ein alter Mann, etwas zittrig, was sich auch auf seine hohe Fistelstimme übertrug. Nach dem Bittgebet meines Freundes sprang er behend auf, setzte schnell diesen viereckigen Hut auf und krächzte: "Für Sie lebenswichtig, und für alle anderen eine Lebensgefahr!" Das Gelächter des Publikums glich einer geglückten Büttenrede zu Karneval, nur dass der übliche Applaus ausblieb. Ob Arno und sein Rechtsbeistand auch gelacht haben, weiß ich nicht mehr. Arnos Mutter sorgte viele Jahre dafür, dass der Schaden und die Strafe von ihrem Sohn bezahlt wurden.

Da Leben ging weiter, auch ohne Auto, das jetzt in Arnos Garage auf bessere Zeiten wartete. Auch weiterhin besuchten wir dieses Tanzlokal; trotzdem Arno sich für lange Zeit finanziell stark einschränken musste.

ENDE

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