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Dienstag, 18. Dezember 2007
Neues aus Büdingen

Deutschland ist schön, seine Landschaften typisch, seine Bauwerke weltberühmt, und so weiter. Geschenkt. Dabei hat unser Land viel mehr zu bieten als kitschige Burgen und schales Bier. Am Wochenende hatte ich das Glück, in einer hessischen Kleinstadt zu Gast sein zu dürfen, die gleich mit zwei faszinierenden Besonderheiten aufwarten kann: grellbunten Riesenkröten und den vielleicht seltsamsten Schildern des Landes. Die Rede ist von Büdingen. Nie gehört? Gut, dann ändern wir das jetzt.
Büdingen ist ein bezauberndes Nest irgendwo nordöstlich von Frankfurt, Wetteraukreis nennt sich die Ecke. Bereits die Unterkunft bietet einen ersten Vorgeschmack auf das, was die Stadt an Skurrilitäten zu bieten hat.

Die Zimmertür wartet auf der Innenseite nicht nur mit einem geradezu historisch anmutenden Schloss auf, sondern auch mit Angeln, die handwerkliche Perfektion mit künstlerischer Kreativität, drei Unterlegscheiben und ebensovielen Nägeln zu einem praktischen Gesamtkunstwerk vereinigen. Klicken Sie das Bild ruhig einmal an, um es in voller Größe zu bewundern. Rechts daneben dann dies:

Äh. Dass es dem Hotelpersonal offenbar bei Strafandrohung verboten ist, Gäste zu begrüßen oder gar anzulächeln, sie mit sinnlosen Floskeln ("angenehmen Aufenthalt") oder überflüssigen Informationen ("Frühstück nur bis 10 Uhr") zu belästigen, wurde mir schon beim Einchecken deutlich gemacht. Aber dieses Schild jetzt - also, verstehen Sie das auch so wie ich? "Gehet fort und machet die Tür von außen zu"? Eine nicht alltägliche Aussage im Beherbergungsgewerbe.

Wenn auch der Gast tendenziell eher erduldet als erwünscht zu sein scheint, erwartet ihn doch modernster Komfort, etwa hier neben dem Etagen-Klo. Die ebenso knapp wie präzis formulierte Anleitung auf dem Gerät lässt Unklarheiten keine Chance:
"Zur Bedienung!" - "Jawoll, Herr Kaleun!" - "Maschine einschalten!" - "Maschine läuft, Herr Kaleun!" - "Feindsandale auf zwei Uhr, Entfernung zwanzig Zentimer, schnell näherkommend!" - "Bürste eins klar!" - "Scheuer frei!"

Ebenso maritim geht es in der Diele zu, aber wesentlich friedlicher, nämlich sprudelnd-spritzig. Büdinger Blubberwasser brodelt in einem ansonsten völlig leeren Aquarium munter vor sich hin. Ich bin sicher, es gibt einen Grund dafür.
Verlassen wir das heimelige Etablissement und begeben wir uns auf einen kleinen Rundgang.

Über eine malerische Brücke gelangt der Tourist in den Kern des bigotten Fachwerkdörfchens...

...das mit schiefen Häuschen ebenso zu bezirzen weiß wie mit schiefen Türmchen...

...dessen Altstadtparkplatz als Treffpunkt automobilen Kulturgutes bekannt ist...

...und in dem man ansonsten natürlich nicht mal tot überm Zaun hängen möchte.
Kommen wir nun zum bizarren Teil unserer kleinen Reise. Büdingen wird mir für zwei Dinge im Gedächtnis bleiben: furchterregend große Kröten und seltsame Schilder.



Es ist schon außergewöhnlicher Zufall, dass ich den Ort ausgerechnet zum Zeitpunkt einer Invasion brasilianischer Riesen-Pfeilgiftkröten kennengelernt habe.
Von den Amphibien führt der Weg zum Amüsanten. Was seltsame Schilder angeht, hat Büdingen eindeutig Ambitionen auf das Guinness-Buch der Rekorde. Ich wage zu sagen, dass ich noch nie in einer so seltsam beschrifteten Stadt nächtigen durfte. Auf das "Gäste-macht-die-Tür-von-außen-zu" im Hotelzimmer und die "Zur Bedienung!"-Kommandotafel auf der Schuhputzgerätschaft wies ich ja bereits hin.

Wo Paderborn mit dem weltberühmten Drei-Hasen-Fenster protzt, hält Büdingen mit dem nicht minder sehenswerten Drei-Orthopäden-Haus gegen. Jede Bußfeld-Generation verewigt sich mit einem eigenen Reklameschild an der Außenfassade. Experten schätzen, dass spätestens im Jahre 2180 der Stadtkern flächendeckend mit Bußfeld-Schildern behängt und -klebt sein wird. Die Stadt wird dann Orthopädingen heißen.

Achtung, Baustelle! Falls Sie sich immer schon gefragt haben, wo eigentlich der Planet Zukunft entsteht: voilá. Noch gibt es allerdings nicht viel zu sehen. Das Ergebnis der Bemühungen muss man sich etwa so vorstellen wie den Todesstern.

A propos Zukunft. Das Büdinger Sience-Fiction-Museum zeigt derzeit die Schau "Spielwelt der Buben in den 50ern". Was es da nicht alles zu bestaunen gibt! Elektrische Eisenbahnen! Aufziehautos! Dampfmaschinen! Die örtliche Jugend drückt sich an den Vitrinen die Nasen platt und träumt vom Morgen.

"Entschuldigung, wo geht es bitte ins Gemüseviertel?" - "Sie gehen die Rue de Rucola runter bis zum Platz des Himmlischen Rettichs, biegen links ab in die Great Pumpkin Road und wenn Sie dann auf der Via Minestrone stehen, ist es gleich rechts." Ach, Büdingen...
Und was mag uns dieses Plakat hier sagen wollen?

Bitteschön. Aber: wofür? Dass ich kein Plakat mit mir herumtrage? Oder ist es eine Bitte an die Kunden, beim Betreten dieses Cafés ihre Plakate draußen anzubinden? Wie dem auch sei - man ist zumindest höflich.
Doch was ist das jetzt wieder...?

Was für ein Blödsinn! Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht in Büdingen.
Andererseits lässt das Schild mehr Rückschlüsse über das Freizeitverhalten der männlichen Einwohner zu, als den hiesigen Frauen lieb sein kann.

Kommen wir vom Schild zum Schwert. Das etwa postkartengroße Echtheits-Zertifikat lässt keinen Zweifel: Richard Löwenherz war ein Däumling von gerade mal 30 Zentimetern.

"Jetzt könnte ich eine ordentliche Gewandung vertragen", stöhnte er wie ein Verdurstender. "Wo willst du denn in diesem Kaff eine Gewandung herkriegen?", fragte sie höhnisch. Ein glücklicher Zufall jedoch wollte es, dass beide just in diesem Moment am Mittelalterladen vorbeigingen.
Das also ist Büdingen. Ich darf sagen: In jeder Hinsicht eine Reise wert.
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18.12.2007 14:20 Uhr
M.
kommentiert
Also das hier mit dem Aquarium kann ich - so hoffe ich - erklären. Ich glaube, es ist das Speiselokal Bleffe, in dem dieses mit Wasser gefüllte Fisch-Aquarium-Gehäuse steht.
Im normalen Falle sind dort Forellen untergebracht, von denen man sich eine aussuchen und sich danach eine Forellenmahlzeit einbeleiben kann. Büdingen ohne Bleffes Forrellenverkostung ist wie Aachen ohne AKV. Und dass im Augenblick der Foto-Aufnahme keine leckeren Tierchen da drinnen so herum schwammen, lässt vielleicht vermuten, dass Aachener Touristen diese alle aufge.... haben. Petri-heil !
Ach so: Büdingen, dieser wunderschöne Ort, hat leider durch die Hexenverbrennung in den Jahren 1633/34 danach einen sehr schlechten Ruf (gehabt). Denn von 118 Personen, so sagt man, seien nur vier diesem Schicksal entronnen. Lange Zeit hätten deshalb danach viele Ehemänner mit ihren Damen im Pferdewagen an Kaffeefahrten dorthin teilgenommen. Ob`s stimmt ?
(Antworten)
18.12.2007 15:02 Uhr
Marc Heckert
kommentiert
(Homepage)
Ich schwöre, in diesem Leben noch nie einer Büdinger Forelle eine Schuppe gekrümmt zu haben. Das Abendessen, das der Grund meiner Fahrt war, fand ohnehin im "Ratsstübchen" statt - und Frühstück am nächsten Morgen gab es nicht, weil ich einerseits zu spät aus den Federn gekrochen bin und man mir andererseits auch nichts von den Küchenzeiten gesagt hatte.
(Antworten)
19.12.2007 12:53 Uhr
Plumsklo
kommentiert
Hervorragend!! Selten so gelacht!!! Ein Highlight der Blog-Geschichte!!!!
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19.12.2007 23:09 Uhr
Dietmar
kommentiert
(Homepage)
Absolut der Hammer, diese Krönung der Büdinger Touristik-Werbung. Einen so gelungenen Artikel findet man selten.
Zur Ehrenrettung Büdingens. Wer suchet der findet und zwar ähnliches bestimmt auch in anderen Städten.
Werde den Artikel auf jeden Fall bei mir verlinken.
(Antworten)
20.12.2007 16:10 Uhr
huii
kommentiert
Der Text ist wirklich sehr ehrlich & ich kann nur sagen das es noch viele andere Sehenswürdigkeiten gibt ! Wie zum Beispiel der wundervolle "Alt-Büdinger-Rundweg" der sich mitten im Park verliert...Oder die sehr erfrischende etwas ekelerregende Kneip-Anlage!
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21.12.2007 14:43 Uhr
Uschi
kommentiert
Wir reden hier von dem definitiv schönsten Städtchen des Universums!
Dennoch habe auch ich dort schon einige gastronomische Nettigkeiten erlebt.
Z.B. begleitete uns der Besitzer eines Hotels nach dem Einchecken aufs Zimmer und inspizierte dort die Aschenbecher mit dem Kommentar: "Ich wollte nur mal gucken, ob sie sauber sind."
Meine Bitte um koffeinfreien Kaffee beim Frühstück wurde mit dem entsetzten Ausruf beantwortet: "Den müsste ich ja erst kochen!"
Unsere Frage, ob wir die Koffer noch ein paar Stunden da lassen könnten (bis zur Abfahrt), führte zu einem entschiedenen: "Ja, wo soll ich die denn hintun?"
Das Hotel wechselte dann den Besitzer. Wir gaben dem Neuen eine Chance. Wieder mein Versuch mit dem koffeinfreien Kaffee. Antwort (diesmal freundlich): "Hawwe mer net. Trinke Sie doch e Wasser."
Und ich hätte noch mehr auf Lager...
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21.12.2007 22:51 Uhr
km
kommentiert
ich komme aus büdingen und habe diesen artikel von einem arbeitskollegen bekommen. wenn man hier lebt, nimmt man das alles gar nicht so wahr, aber ich habe mich köstlich über diesen artikel amüsiert!!! sehr gut...
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27.12.2007 12:59 Uhr
Thomas Reuter
kommentiert
Bin über die online-Zeitschrift "Jungborn" auf den Artikel gestossen - einfach genial und super mit Fotos (Türangel) hinterlegt.
Da ich auch aus der Nähe von Büdingen komme, werde ich mit Sicherheit auch zukünftig dem einen oder anderen Schild mit einem Lächeln begegnen.
Schönen Gruß aus
Orthopädingen
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10.01.2008 00:10 Uhr
S. Weidling
kommentiert
Ein wirkich gelungener Artikel! Und für die Sache mit den Fröschen gibt es auch eine Erklärung. Die Redensart "Nun sei doch kein Frosch" hat ihren Ursprung übrigens auch in dieser Geschichte. Im Jahr 1522 störte es die Braut (Frau Elisabeth von Wied) von Graf Anton zu Ysenburg und Büdingen, dass die Frösche im Froschteich des Schlosses zu laut quakten. Die Büdinger Bewohner sammelten daraufhin alle Frösche und trafen sich auf dem Marktplatz. Man entschloss sich dazu, die Frösche im Seemenbach zu ertränken.
Die Frösche spielen seit dieser Zeit die Beleidigten, daher auch die Büdinger Redensart:“Nun sei kein Frosch!“
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 Kurs Südwest: Angelockt von Printenduft und dem Ruf belgischen Kirschbieres, verirrte sich ein nordischer Fischkopf in die Kaiserstadt Aachen. Wie aus flüchtiger Affäre wahre Liebe wurde, beschreibt er in diesem Blog.
 Marc Heckert RedakteurWahl-Aachener aus Leidenschaft. Noch mehr Leiden schafft allerdings des gebürtigen Oldenburgers verhängnisvolle Schwäche für mürbes Altmetall auf Rädern.

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