Lokales / Aachen

15-Jährige für eine Spionin gehalten

Von Wolfgang Schumacher | 12.03.2010, 17:28

Aachen. Die Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht musste Freitag viel Geduld aufbringen. Der des versuchten Totschlags und schweren Körperverletzung beschuldigte Riadh B. (42) brauchte sehr lange für sein «letztes Wort».

Vor dem endgültigen Richterspruch am kommenden Dienstag um 9 Uhr beklagte er sich darüber, dass ihn alle Welt - wie eben auch das Gericht - für verrückt halte, was er jedoch nicht sei. Auch fand der langbärtige Mann aus Tunesien seinen Spitznamen gar nicht gut, man nenne ihn in Anspielung auf die Geschehnisse vom 11. September «Osama», «bin Laden» oder einfach «der Taliban». Der so Verunglimpfte wolle aber nichts Böses, auch den Mädchen nicht, von denen er eine am 31. August 2009 beinahe aus dem 6. Stock seiner Wohnung am Hansemannplatz in den Tod gestürzt hatte.

Dass er den Menschen nichts Böses wolle, das sah Staatsanwältin Claudia Schetter etwas anders. Die Anklägerin forderte die unbefristete Unterbringung in der Psychiatrie und beschrieb in ihrem Plädoyer, wie Riadh H. im Zustand der Schuldunfähigkeit aufgrund einer paranoiden Psychose den versuchten Totschlag im vergangenen Sommer begangen hatte.

Am letzten Verhandlungstag war vor den Plädoyers - sein Verteidiger hatte eine ambulante Behandlung gefordert - die deutsche Noch-Ehefrau des 42-Jährigen Tunesiers vernommen worden. Die Verwaltungsangestellte schilderte, sie habe ihren Ehemann in Tunesien im Urlaub kennengelernt. Doch schon bald machten sich in Deutschland Anzeichen von Verfolgungswahn breit, sagte sie.

Er habe in der gemeinsamen Wohnung andauernd «um die Ecken gelinst» und überall Spione vermutet. Zu seiner «Paranoia» habe allerdings mit beigetragen, dass ihn ein Sondereinsatzkommando der Polizei im Jahr 2003 tatsächlich für einen mutmaßlichen Terroristen hielt und ihn auf offener Straße übermannte. Auch die biedere Verwaltungsangestellte wurde festgenommen, am Folgetag waren beide wieder frei.

Über der Brüstung

Sein Verfolgungswahn spitzte nach dem Auszug seiner Ehefrau im Sommer 2009 dermaßen zu, dass er zwei der vier jungen Mädchen im Alter von 15 und 16 Jahren ebenfalls für Spioninnen hielt. Besonders die zur Tatzeit erst 15-jährige Nadja hat ihr Leben nur ihrer beherzten Gegenwehr zu verdanken.

Als sie bereits mit den Füßen über dem Abgrund hing, entwickelte das schlanke Mädchen Bärenkräfte. Der Angreifer fiel hintenüber, sie konnte in die Wohnung kriechen. Den folgenden Messerangriff wehrte sie mutig ab, ihr und der Freundin gelang schließlich die Flucht ins Treppenhaus. Riadh B. hatte mit Bomben gedroht und die Innenstadt stundenlang lahmgelegt.



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