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Beeindruckende Demo gegen Neonazi-Aufmarsch

Von Christoph Classen | 08.11.2008, 17:10

Aachen. Als um zwölf Uhr die Glocken läuten, versinkt der Marktplatz schon längst in einem Menschenmeer. Die Kirchen geben das Startsignal für eine Demonstration, wie sie eindrucksvoller kaum sein könnte. Rund 2500 Bürger haben sich auf den Weg gemacht, um zu protestieren. Sie wollen keine Nazis in der Innenstadt, keine Demo unter einem menschenverachtenden Motto, keinen braunen Spuk in Aachen. Seit dem frühen Vormittag kommen auf dem Hauptbahnhof die ersten Rechten an, rund 100 werden im Laufe des Tages eintreffen.

Ihre platten Parolen bleiben weitgehend ungehört, sie dürfen nicht marschieren. Die Polizei hat ihnen einen Platz in der Nähe des Bahnhofs zugewiesen, mehr als eine Standkundgebung ist nicht erlaubt.

Auf dem Markt bewegt sich dagegen so langsam was. Nachdem Heinz Kaulen, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Region NRW Süd-West, die Demonstranten begrüßt hat, setzt sich der kunterbunte Zug in Bewegung. Kirchliche Organisationen zeigen Flagge, genau wie Gewerkschaften, die Mitarbeiter des Klinikums und die Türkisch-Islamische Gemeinschaft. Die Grünen bekennen Farbe und auch zahlreiche Vertreter der anderen Ratsparteien sowie der Verwaltung machen sich mit auf den Weg.

Das Gros der Demonstranten lässt sich aber keiner Organisation zuordnen. Es sind einfach Menschen, die Verantwortung übernehmen für ihre Stadt. «Wir sind Aachen - Nazis sind es nicht» lautet der Leitsatz der Demo, die vom DGB organisiert wurde.

Dem Zug voraus fahren drei Polizeimotorräder, es folgen vier Grün-Weiße Bullis und dann noch gut ein Dutzend Einsatzkräfte in schwerer Montur. Das ist nur ein winziger Bruchteil des gigantischen Aufgebots, das die Polizei in der Stadt zusammengezogen hat. Nicht weniger als 1000 dürften im Einsatz sein, Hauptverkehrsstraßen werden gesperrt, ein Hubschrauber steht in der Luft. Aachen im Ausnahmezustand.

Angeführt wird die Demo von einer Band, die ordentlich auf die Trommeln schlägt. Samba-ähnliche Rhythmen hallen durch die Krämerstraße, sie gehen vielen der Demonstranten direkt in die Beine, tanzend bewegt sich der Zug vorwärts. Das Anliegen ist ernst, die Stimmung heiter. Was wohl nicht zuletzt an den wärmenden Sonnenstrahlen liegt.

Nach einem kurzen Stopp zwischen Elisenbrunnen und -galerie, bei dem Politikwissenschaftler Winfried Casteel die Gräuel des Dritten Reichs in Erinnerung ruft, erreichen die Demonstranten über die Adalbertstraße den Synagogenplatz.

Der ist viel zu klein, um alle Menschen zu fassen, die an der Abschlusskundgebung teilnehmen wollen. «Heute wollen sich die Nazis gegen eine angeblich einseitige Vergangenheitsbewältigung wehren», sagt Heinz Kaulen «angesichts des Datums ist das zynisch und eine Provokation sondergleichen.»

Das eindrucksvollste rednerische Signal setzt Jürgen Linden. «Die Botschaft des heutigen Tages ist einfach: In unserer Stadt ist kein Platz für braunes Gesocks!», ruft der Oberbürgermeister der Menge zu. Linden pfeift auf rhetorische Raffinessen, seine Worte sind eindringlich, ehrlich und emotional. Ohne Rücksicht auf seine Stimme brüllt der OB ins Mikro, hinter jedem Satz scheinen drei Ausrufezeichen zu stehen. Linden: «Der beste Schutz gegen diese rechte Krankheit, nicht nur heute, ist Zivilcourage. Wir müssen unsere Stimme erheben.» Das haben die Aachener eindrucksvoll getan. Und dafür gebührt ihnen vor allem eines: Respekt.

Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff zeigte sich am Samstag «irritiert und enttäuscht» über die Zulassung des Neonazi-Aufmarsches durch das Bundesverfassungsgericht. «Eine solche Demonstration am Vorabend des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht verharmlost die damaligen Verhältnisse und Übergriffe der Nazis, die auf die Vernichtung der Juden in Europa zielten», erklärte Mussinghoff am selben Tag.

Er rief dazu auf, «sich schützend vor die Menschen unserer jüdischen Gemeinde zu stellen und nicht zuzulassen, dass sie bedroht werden». Die Menschen nahmen auch ihn beim Wort: Der braune Spuk hatte an diesem Samstag in Aachen keine Chance.
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